Theoretische Überlegungen

Die Neurofunktionelle Reorganisation nach Padovan besteht aus Übungen, die der menschlichen Natur entsprechen. Durch das Nachvollziehen des Entwicklungsprozesses kann ein Mensch Fähigkeiten wieder gewinnen, entwickeln und verbessern. Die Übungen beginnen mit den natürlichen Bewegungen nach der Geburt und führen über das Rollen, Kriechen, Krabbeln bis zum Gehen. Es folgen Übungen für das Sehen, die Hand- und Fingerfertigkeit, das Hören und weitere Übungen zur Atmung, Mundmotorik und Artikulation. Mit der NFR nach Padovan werden Kinder behandelt, die durch eine allgemeine, neurologische Unreife Probleme mit der Sprache und dem Sprechen haben. NFR wird auch im Bereich der Neurorehabilitation angewendet.

Die Grundlage der Neurofunktionellen Reorganisation nach Padovan sind Forschungen aus der Neurologie und Kieferorthopädie. In dieser ganzheitlichen Methode soll der menschliche Entwicklungsprozess nachvollzogen und somit Störungen der Motorik, der Wahrnehmung, der Sprache und des Lernens verbessert werden.

Die Neurofunktionelle Reorganisation nach Padovan basiert auf dem Wissen von

• Temple Fay über die neurologische Organisation des Menschen
• Rudolf Steiner über die Zusammenhänge zwischen Gehen, Sprechen und Denken
• Beatriz Padovan über die prälinguistischen Funktionen Atmen, Saugen, Kauen und Schlucken.

Aus vestibulären, sensorischen, taktil-kinästhetischen, optischen, akustischen und motorischen Funktionen entwickeln sich die Grundelemente der Sprache. In der NFR nach Padovan werden diese Funktionen miteinander verknüpft.

Neurologische Organisation
Die Phylogenese (stammesgeschichtliche Entwicklung) umfasst die Entwicklung des Nervensystems aller Lebewesen; von den Arten mit dem einfachsten Nervensystem bis hin zum komplexen Nervensystem des Menschen. Als Ontogenese wird die Entwicklung des Nervensystems des einzelnen Individuums bezeichnet. Der Mensch wiederholt in seiner ontogenetischen Entwicklung in mancher Hinsicht die phylogenetische.


Quelle: Skript Modul 1 in NFR nach Padovan

Der amerikanische Neurologe Temple Fay und seine Mitarbeiter Doman und Delacato analysierten die Entwicklung, die den Menschen von der horizontalen Position in die Vertikale bringt. Sie nannten diese Entwicklung die neurologische Organisation. Sie beinhaltet die grundlegenden natürlichen Bewegungen des Menschen, die nach der Geburt gemacht werden, sowie Entwicklungsschritte wie Rollen, Kriechen und Krabbeln.

Die neurologische Organisation nach Temple Fay verläuft als komplexer, dynamischer Prozess. Er folgt der natürlichen Entwicklung und führt zur Reifung des zentralen Nervensystems. Dieser Prozess befähigt den Menschen, sein Körperschema auszubilden und sein genetisches Potential zu entfalten.

Temple Fay und seine Kollegen untersuchten unter anderem Menschen mit einer Hirnverletzung, die die oben erwähnten Bewegungen nicht richtig durchführen konnten. Sie wollten heraus finden, ob es möglich ist, dem zentralen Nervensystem diese Bewegungen „beizubringen“. So behandelten sie Patienten, indem sie mit ihnen den Verlauf der Bewegungsentwicklung immer wieder wiederholten. Tatsächlich zeigten die Patienten bemerkenswerte Fortschritte. Die daraus entwickelte Behandlungsmethode nannte Temple Fay die Neurologische Reorganisation. Die Methode dient der Ausbildung und Festigung der Nervenbahnen. Die Durchführung der Bewegungen führt zur Lateralisierung und Spezialisierung der Hirnhälften. Die Bewegungen werden automatisiert und der Cortex wird frei für komplexe sprachliche und intellektuelle Aufgaben.

Gehen-Sprechen-Denken
Rudolf Steiner wie auch Jean Piaget beschreiben, dass Gehen, Sprechen und Denken voneinander abhängen. Gehen ist ein komplexer motorischer Prozess, der zur Festlegung der Seitendominanz führt. Gehen bedeutet, seinen Körper in der Aussenwelt ins Gleichgewicht zu bringen und sich darin angemessen zu bewegen. Diese Fähigkeit wird durch Impulse aus dem menschlichen Organismus heraus von selbst erlangt. Bis ein Kind gehen kann, durchläuft es verschiedene Entwicklungsphasen wie Rollen, Kriechen und Krabbeln.

Sprechen wiederum findet seinen Ursprung im Prozess der räumlichen Orientierung des Menschen, d.h. im Gehen. Sprechen entwickelt sich aus dem gesamten motorischen System des Kindes. Wie das Gehen verläuft auch der Spracherwerb in verschiedenen Entwicklungsschritten vom ersten Weinen über das Lallen bis hin zur strukturierten Sprache. Aus der Sprache heraus entwickelt sich das Denken als geistiger Vorgang. Wenn das Kind beginnt Gegenstände zu benennen, entstehen innere Vorstellungsbilder. Im Gespräch werden diese Bilder dann aneinander gereiht. Denken ist die Fähigkeit, Ideen zu formulieren, zu lernen und sich an seine Umwelt anzupassen.

Nach Steiner spielt also der ganze Körper eine grundlegende Rolle beim Sprech- und Denkprozess. Gehen als aufrechter Gang ist das Produkt aus dem komplexen Prozess, den Temple Fay neurologische Organisation nennt.

Die Logopädin Beatriz Padovan kombinierte die Erkenntnisse Tempe Fays und Rudolf Steiners mit ihrem Wissen über die vegetativ-reflektorischen Funktionen.

Prälinguistischen Funktionen
Atmen, Saugen, Kauen und Schlucken sind vegetativ-reflektorische und gleichzeitig prälinguistischen Funktionen. Beatiz Padovan fiel auf, dass Kinder mit Sprechproblemen, insbesondere mit cerebralen Lähmungen, diese Funktionen nicht vollständig entwickelt hatten. Hier übernahm sie eine Ansicht Temple Fays, die besagte, nicht die fehlende oder fehlerhafte Funktion zu trainieren, sondern die ihr voran gehenden Funktionen. Also begann sie, nicht die Artikulation oder Sprache direkt zu behandeln, sondern mit den grundlegenden, den prälinguistischen Funktionen zu arbeiten.

Die Arbeit mit diesen Funktionen entwickelte Beatriz Padovan an der Universität Sao Paolo, Brasilien an der Kieferorthopädischen Abteilung. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Kieferorthopäden entstand die Methode der integrierten myofunktionellen Therapie (integriert, da alle Mundfunktionen mit einbezogen werden). Beatriz Padovan hat diese neue Methode mit der Neurologischen Reorganisation verbunden und nannte sie Neurofunktionelle Reorganisation (NFR) nach Padovan.

Rezeptoren nehmen verschiedene Reize auf. Diese werden über das Nervensystem bis hin zum Cortex gesendet. Anders formuliert: Informationen, die von der Peripherie des Köpers kommen, erreichen die motorisch sensiblen Bereiche der Hirnrinde (Homunculus). Dort werden sie als Körperschema fixiert. Das befähigt den Menschen, seine Körperteile zu spüren und zu steuern, einschliesslich jenen, die für das Sprechen verantwortlich sind. Der Sprechapparat hat viele Rezeptoren und nimmt daher in den sensorischen und motorischen Hirnarealen viel Platz ein.



Abbildung 1a: sensorischer Homunculus
Abbildung 1b: motorischer Homunculus
Bähr, Frotscher (2003): Duus' Neurologisch-topische Diagnostik. Anatomie - Funktion - Klinik. Georg Thieme Verlag, Stuttgart.


Die Sprachentwicklung wird durch einen funktionierenden Sprechapparat bedingt. Dieser wiederum wird über die prälinguistischen Funktionen Atmen, Saugen, Kauen und Schlucken aufgebaut. Die Einführung dieser Funktionen hat zur Vervollständigung der ursprünglichen neurologischen Reorganisation geführt.

Quelle:
www.padovan-therapeutinnen.de
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